Bericht von Andreas Braun

 

"Meine Erlebnisse als Zivildienstleistender in Brasilien"


     

Rundbrief III

 

Andreas Braun, Leme / S.P., den 28. März 2004

   

   

In meinem dritten und letzten Rundbrief aus Brasilien möchte ich Euch allen noch einmal einen kurzen Einblick in das Leben und meine Tätigkeiten hier geben. Ich hoffe, dass Ihr nicht zu enttäuscht seid, wenn er diesmal nicht mehr ganz so lang wird.

   

   

   

1.                Allgemeines

   

Zuerst sei gesagt, dass es mir allgemein sehr gut geht. Zwar habe ich seit etwa zwei Wochen in unregelmässigen Abständen einige Probleme mit Magen und Darm, aber es hält sich – Gott sei Dank – noch in Grenzen. Ich finde es nur komisch, dass das jetzt anfängt, nachdem ich schon über fünf Monate hier bin und eigentlich nie zuvor irgendetwas hatte. Auf jeden Fall ist meine Stimmung sehr gut. Ich brauche nicht verschweigen, dass es im Februar bis etwa Karneval einige Stimmungstiefs gab, die aber nun überwunden sind, nachdem ich mir über viele Dinge im Bezug auf Land und Leute und auch auf mich persönlich noch klarer geworden bin.

 

Wenn ich nun daran denke, dass in zweieinhalb Wochen meine Zeit hier schon zuende geht, bin ich schon ein wenig traurig. Nicht etwa, dass ich mich nicht auch freue zurückzukommen und Euch wiederzusehen, doch gehe ich ja hier weg ohne zu wissen, wann ich einmal wiederkehre und meine “Lieben” wiedersehe. Ich werde aber auf jeden Fall mit reichlichen Erfahrungen und Eindrücken nach Deutschland zurückkehren, die mein Leben echt bereichert haben. 

  

  

  

2.                “Creche aktuell”

   

In der Creche ist im Grossen und Ganzen alles wie zuvor. Mit Sr. Elza, einer bolivianischen Schwester und den Aspirantinnen (= junge Frauen in der ersten Vorbereitungsphase zur Ordensschwester), die jeweils zeitweise in der Creche arbeiten, sind wir nun mit Personal bestens besetzt. Aus diesem Grund bin ich nicht mehr so viel dort tätig. Meine Abwasch-Tätigkeit für knapp 70 Kinder am Vor- und / oder Nachmittag ist jedoch geblieben, aber die mache ich durchaus nicht mehr ungern.

 

Morgens und spätnachmittags bin ich aber immer noch oft mit meinen Lieblingen zusammen. Das hört sich jetzt an, als ob ich eine Auslese unter den Kindern mache. Das ist es jedoch nicht. Es ist vielmehr so, dass einige Kinder sehr an mir hängen (und ich an ihnen) und andere wiederum zwar auch manchmal mit mir spielen, aber ansonsten nicht so viel mit mir zu tun haben.

 

Mein “Sohn” hat unter anderem durch mein Training mit ihm – ich kann ein gewisses Gefühl des Stolzes darauf nicht leugnen – das Laufen gelernt und sich dabei eine sehr lustige und ausgefallene Technik angeeignet, nämlich immer mit in die Höhe ausgebreiteten Armen zu laufen. Seit eineinhalb Monaten ist er nun nicht mehr im Babyzimmer, sondern nun bei den Kleinkindern bis gut zweieinhalb Jahren, und das, obwohl er vorgestern erst seinen ersten Geburtstag hatte.

 

Inzwischen habe ich aber im Babyzimmer einen anderen Jungen gefunden, der sich fast genauso verhält wie Kevyn anfangs. Dieser gilt mitlerweile dann auch schon als mein zweiter Sohn. Er heisst Murilo und ist sehr faul, was das Laufenlernen angeht. Ansonsten seien von den Babys noch Eduarda, Diogo, Fernando und Carlos genannt, die eigentlich immer fröhlich sind und deren Freude echt ansteckend ist.

 

Bei den Kleinkindern habe ich meinen, wie meine Tia (= Tante, d.i. die Erzieherin aus meiner Gruppe) sagt, “filho da outra cor” (= Sohn der anderen Farbe; er ist nämlich ein Schwarzer). Der zweijährige Alison kommt aus einer sehr schwierigen Familiensituation. Sein Vater war bis vor kurzem im Gefängnis und seit er dort wieder raus ist, ist Alisons Mutter auf der Flucht mit ihren Kindern und sieht von Tag zu Tag zu, wo sie zur Nacht unterkommen kann. Die Familie besitzt quasi gar nichts. Trotzdem ist Alison ein so fröhliches Kind und wenn er erstmal auf meinem Arm ist oder auf meinem Schoss sitzt, dann muss ich echt aufpassen, dass er nicht aus Eifersucht andere Kinder schlägt, die sich mir nähern wollen.

 

Neben meinen drei “Söhnen”gibt es aber noch so viele tolle Kinder, ja eigentlich sind alle so toll, dass mir der Abschied von ihnen sicherlich nicht leicht fallen wird.

  

      

  

 3.                Meine Schützlinge in der Stadtrandarbeit

   

Im letzten Rundbrief hatte ich ausführlich über Leandro, José (die beiden behinderten Jungen, um die ich mich ein wenig kümmere) und deren beider Familien berichtet.

 

Kurz nachdem der Rundbrief abgeschickt wurde, musste ich erfahren, dass Leandro mit seiner Familie nach Alagoas, seine Heimat im Nordosten zurückgeht. Die Gründe dafür sind sicherlich vielfältig, doch scheint der grösste die Enttäuschung seiner Mutter darüber zu sein, hier im “reichen” Süden des Landes nicht das Paradies gefunden zu haben. Der Abschied Mitte Februar war schon bewegend. Kurz zuvor waren Leandro und seine Mutter noch bei uns in der Wohnung, wo Dona Salete (die Mutter) mir einmal all ihr Leid geklagt hat und dabei so geweint hat, dass ich kaum wusste, was ich denn tun oder sagen könnte. Und auch beim Abschiedsbesuch selbst hat es mich überrascht, dass die Frau geweint hat, als Theresia und ich gegangen sind, wo wir die Familie doch nur drei Monate kannten. Seit kurzem haben wir Nachricht, dass die Familie gut angekommen ist und sich dort sehr wohl fühlt. Ich hoffe, dass es so bleibt, denn sein Schicksal ist bis jetzt immer noch eines der schlimmsten, das ich hier erlebt habe.

 

Bei José hingegen ist alles beim alten. Er freut sich immer noch sehr, wenn ich komme und er hat jetzt auch schon einen Namen für mich, den er sprechen kann (ansonsten kann er nämlich nur ein paar Wörter). Er nennt mich “pão” (= Brot), und zwar deshalb, weil ich ihm immer Brot mitbringe, wenn ich ihn besuchen komme, weil er das so gerne mag und es sich die Familie nicht leisten kann.

 

Mit Sr. Ana bin ich manchmal noch unterwegs zu anderen hilfsbedürftigen Familien. Da ist der querschnittsgelähmte Marcelo, der deshalb behindert geboren wurde, da sein Vater seine Mutter in der Schwangerschaft beinahe zu Tode geprügelt hat, dann der 11-jährige vollständig behinderte und pflegebedürftige Jefferson, der ganz armselig, blass und abgemagert fast den ganzen Tag im Bett dahinvegetiert.

 

Ausserdem habe ich Kontakt zu einer Familie im Imperial. Der Vater José Roberto ist seit einigen Jahren arbeitsunfähig, nachdem er bei der Zuckerrohrernte von einem LKW gefallen ist. Er leidet immer noch unter starken Schmerzen in seinem verwundeten Rücken, die er ohne die Medikamente der Schwestern kaum ertragen könnte. Vielmehr aber schmerzt ihn (so zumindest mein Eindruck) die Tatsäche, dass er wegen seiner Lage seiner Familie kein besseres Leben bieten kann.

 

Der 27-jährige Familienvater Rogério ist seit einigen Jahren durch einen Unfall gelähmt, aber trotzdem so lebensfroh und herzlich, dass ich gerne zu ihm und seiner Familie fahre. Derzeit lassen die Schwestern für ihn ein Haus bauen. In der kommenden Woche werde ich auch einmal sehen, ob ich auf der Baustelle ein wenig helfen kann. Er nennt mich “amigão” (= der grosse Freund) und ist den Schwestern dankbar für alles, was sie für ihn tun.

 

Eine Familie im Viertel Primavera (= Frühling) besuchen Theresia und ich gemeinsam. Die Mutter heisst Rósi Schneider und hat es wirklich nicht leicht. Sie ist total abgemagert, hat kaum noch Zähne im Mund und sieht schon echt alt aus, obwohl sie noch gar nicht so alt ist. Ihr Mann ist (angeblich) nicht ganz so für Arbeit zu haben, er tinkt nämlich auch gerne mal einen Schluck zuviel. Auf jeden Fall lebt diese Familie auch nicht schön, ist aber durchaus zufrieden. Dona Rósi häkelt für ihr Leben gerne und freut sich, wenn man ihr Wolle mitbringt, damit sie ihr Hobby ausleben kann. Sie hat auch schon eine schöne Decke für meine Mutter hergestellt.

 

In unserem Projekt im Imperial-Viertel läuft alles gut weiter. Es sind immer 10 bis 25 Kinder dort, mit denen wir Spiele machen, etwas basteln, Fussball spielen usw. Insgesamt kümmert sich darum Theresia mehr, weshalb sie dort auch deutlich beliebter ist als ich. Aber es hat ja nun auch jeder seine Aufgabenschwerpunkte.

 

 

 

  

4.                Arme und Reiche

  

Kein Rundbrief kann ohne dieses Thema auskommen, das mich nun schon seit über fünf Monaten beschäftigt. Ich muss sagen, dass mich viele Dinge gar nicht mehr erschrecken sondern vielmehr ganz normaler Alltag sind. Gemerkt habe ich das ganz deutlich beim Besuch von meinem Vater hier und seitdem ein Student aus Deutschland hier ist (zu beiden später mehr).

 

Das schlimmste an der Armut hier ist der Reichtum der oberen Bevölkerungsschicht. So paradox das klingt, das halte ich beinahe schon für das grösste Übel. Viele Reiche scheinen entweder gar nicht zu wissen, was los ist, oder sie wollen es erst gar nicht wissen. Ich kenne eine wohlhabende Familie hier aus Leme, die noch niemals im Imperial war, wobei das Viertel schon jahrelang existiert. Und noch schlimmer ist, dass sie nicht einmal eine Ahnung davon haben, was dort und in anderen Vierteln abgeht.

 

Aber trotzdem gibt es auch hier viele Reiche, die Gutes tun. Wenn ich so über die Armut spreche, dann heisst das nicht, dass ich nur die Armen mag und alle Reichen nicht. Keineswegs, denn die Zuneigung hängt niemals vom Geldbeutel ab. Ausserdem muss man auch immer bedenken, dass ich ja zu den Reichen gehöre und hier ein “vida boa” (= gutes Leben) führe. Aber das muss ich mir auch immer wieder vor Augen führen: Ich lebe hier materiell besser als meine Schützlinge und werde sicherlich mein ganzes Leben weiter besser leben. Deshalb darf ich mir keine Illusionen machen. Und dennoch möchte ich den Aufruf wagen an uns alle, die wir zu den wenigen auf Erden gehören, die quasi im Luxus, zumindest aber im Wohlstand leben: wir mögen doch bitte immer daran denken, was für ein Los wir gezogen haben und was für Lebensverhältnisse für Milliarden anderer Menschen Alltag sind.

 

Aber ich will hier nicht als der grosse Moralapostel auftreten, der den Menschen ein schlechtes Gewissen einredet, nur deshalb, weil sie reich sind. Ich bitte darum, mich nicht falsch zu verstehen.

 

  

 

5.                Karneval; Fastenzeit; Ostervorbereitung

   

Brasilien gilt als Land des Karnevals und das stimmt sicherlich auch. Zwar ist Leme jetzt nicht so eine Hochburg der Festlichkeiten, aber auch hier wird gefeiert. Grösserer Wert wird dabei nicht auf Klamauksitzungen, Büttenreden, bunte Abende, Festumzüge oder Verkleidungen gelegt, sondern vielmehr auf Tanz, Fröhlichkeit und Musik. Die Musik des Karnevals ist weniger der eigentliche Samba als vielmehr eine Axé genannte Musikrichtung mit schnellen Rythmen, einfachen Texten und vielen tanzenden hübschen Frauen. Die Hochburg des Karnevals ist offiziell immer noch Rio de Janeiro, aber auch Salvador, Recife und neuerdings São Paulo haben ihren Reiz, zumindest insoweit, wie ich das am Fernsehen mitverfolgen konnte. Dieses Jahr wurde die Stimmung jedoch etwas dadurch getrübt, dass es sehr kühl war und es von Freitag nachmittag bis Aschermittwoch fast ununterbrochen geregnet hat. Aus diesem Grund waren Theresia und ich auch nur einmal richtig aus, und zwar zur Karnevalsfeier im Clube (eine Art Freizeit-Rundumgestaltung-Einrichtung). Das Karnevalswochenende ist traditionell arbeitsfrei, der Dienstag sogar nationaler Feiertag, so dass wir (oder vielmehr hauptsächlich ich) die Paraden aus Rio und Salvador im Fernsehen verfolgen konnten.

 

Seit Aschermittwoch läuft nun die Fastenzeit, die ganz besonders begangen wird. Jedes Jahr gibt es eine “Campanha da Fraternidade” (Kampagne der Brüderlichkeit), die unter einem speziellen Jahresthema auf Misstände Brasiliens und / oder der Welt im Ganzen und deren Auswege hinweisen will. Dieses Jahr ist das Wasser Thema: “Água, fonta da vida” (= Wasser, Quelle des Lebens). In Messen und Gruppenrunden wird über die Bedeutung des Wassers für den Menschen gesprochen, über seine Kostbarkeit und seine Nutzungsverbesserungen.

 

Nebenbei werden in den Messen natürlich die üblichen Themen behandelt, wie Sünde, Umkehr, Vergebung, Leiden Sterben, Tod usw. Diese Stimmung schlägt sich hier viel stärker nieder als bei uns. So sind alle Bilder in den Kirchen seit Aschermittwoch verhüllt, abgehängt oder entfernt worden, so dass von den eh schon wenigen Schmuckgegenständen nur der Altar geblieben ist. Das auffälligste Zeichen jedoch ist die Ruhe und Besinnlichkeit. Während sonst Keyboard, Gitarren, Schlagzeug und mehrere Vorsänger auftreten, ist jetzt nurmehr ein Harmonium oder Keyboard und maximal zwei / drei Sänger vorhanden, die die traurigen, getragenen Lieder vortragen. Ein totaler Gegensatz zu sonst.

 

Die grössten Feierlichkeiten jedoch erwarten uns ab Palmsonntag. Das Programm liegt schon vor. Man kann theoretisch tagelang und manchmal Tag und Nacht Messen, Andachten, Gebete, Kreuzwege u.ä. besuchen. Ostern ist hier wirklich das bedeutendste Fest im Jahr und uns wurde schon viel angekündigt.

 

 

 

6.                Besuch meines Vaters; Reisebericht

   

Vom 05. bis zum 22. März war mein Vater hier in Brasilien um mich zu besuchen und ein wenig von Land und Leuten, Natur und Landschaft, Armut und Problemen kennenzulernen. Die ersten eineinhalb Wochen waren wir hier in Leme, wo ich ihm mein Leben, meine Arbeit, die Armut und Lebenssituation in den Stadtrandvierteln und insgesamt so viel wie möglich von einem Teil Brasiliens gezeigt habe. Es war für mich eine schöne Abwechslung und ganz besonders interessant zu sehen, wie er auf Dinge reagiert, die für mich schon alltäglich geworden sind. Zur selben Zeit ist ein Student aus Deutschland angekommen, der die Zeit bis zu unserer Abreise hier verbringt, um etwas von der Arbeit der Schwestern hier zu sehen. Er war Schüler eines Gymnasiums des Ordens in Deutschland und wollte fünf Wochen Brasilienerfahrung sammeln. Insgesamt haben mir seine Reaktionen und auch die meines Vaters gezeigt wie verschieden doch beide Länder sind und wie sehr wir (ich schliesse einfach mal Theresia mit ein) in manchen Fragen schon begonnen haben, eine brasilianische Sicht der Dinge anzunehmen. Ich bin wirklich schon gespannt darauf, wie ich auf einige Sachen in Deutschland reagieren werde. Ich hoffe, dass ich mich nicht zu sehr verändert habe, aber eins ist auf jeden Fall sicher: gelernt habe ich für mich und mein Leben einiges.

 

Vom 15. bis zum 18. März war ich mit meinem Vater in Foz do Iguaçu, einer 300.000-Einwohner-Stadt im Dreiländereck von Brasilien, Argentinien und Paraguay. Am ersten Tag besichtigten wir dort das derzeit noch grösste Wasserkraftwerk der Welt (wen es interessiert – 14.000 MW Leistung), mit dem quasi der ganze Strom Paraguays und 25 % des Stroms Brasiliens erzeugt wird. Dieses riesige Ding ist schon sehr beeindruckend. Am zweiten Tag waren wir bei der Hauptatraktion ganz Südbrasiliens, nämlich den Iguaçu-Wasserfallen. Der Rio Iguaçu stürzt auf etwa drei Kilometern Breite in mehr als 275 riesigen bis kleinen Einzelwasserfällen 90 Meter in die Tiefe. Die Wassermassen von 6.500 Hektolitern pro Sekunde erzeugen dabei einen gewaltigen Lärm und grandiose Lichteffekte in den Gischtwolken. Auf dieses absolut eindrucksvolle und einfach nur schöne Naturschauspiel hat man von der brasilianischen Seite aus einen grandiosen Überblick, der mir persönlich von der Reise am besten gefallen hat. Der Grossteil der Wasserfälle an sich liegt jedoch auf argentinischem Staatsgebiet. Auf der Seite Argentiniens bekommt man einen näheren Blick und kann ganz nah heran. Dies haben wir am dritten Tag erkundet. Nebenbei waren wir dann noch am Dreiländerdenkmal und in Paraguay in der Stadt Ciudad del Este, angeblich eine Stadt, in der Kriminalität das Hauptereignis ist, aber die auch als billiges Einkaufsparadies gilt. Begleitet wurde dieser Aufenthalt von ständig strahlendem Sonnenschein und bis zu 35 Grad Tagestemperaturen.

 

Anschliessend verbrachten wir die letzten Tage des Aufenthalts meines Vaters in São Paulo, wo die Schwestern der hl. Maria Magdalena Postel einen kleinen Konvent mit fünf Schwestern im fortgeschrittenerem Alter unterhalten. Dort wurden wir sehr herzlich aufgenommen und “durchgefüttert” (ich glaube, man kann in einer so kurzen Zeit kaum so viele vorher völlig unbekannte exotische Früchte probieren wie mein Vater in dieser Zeit). Die nach offiziellen Angaben 17 bis 18 Millionen Einwohner zählende Stadt hat natürlich nicht das zu bieten, womit Rio de Janeiro aufwartet, imposant ist sie aber allemal. Vor 140 Jahren noch ein kleines Dorf ist sie heute Motor der brasilianischen Wirtschaft und die grösste Metropole Südamerikas sowie unter den fünf grössten Städten der Welt zu finden (eine genauere Einstufung ist nicht möglich, da die illegalen oder nicht registrierten Bewohner nur durch Schätzungen erfasst werden). Kaum eine andere brasilianische Stadt spiegelt die Vermischung von Sprach- und Volksgruppen, von Hautfarben und Lebenseinstellungen so wieder wie São Paulo, die aber leider auch ein eklatantes Beispiel für die gnadenlosen soziale Gegensätze ist. Man schätzt, dass mehr als fünf Millionen “Paulistanos” in Holz- oder Blechhütten, den sog. Favelas, leben müssen, und trotz des Reichtums der Stadt als Industrie- und Finanzzentrum Brasiliens lebt über ein Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. In São Paulo haben wir uns erst einmal mit den Schwestern in deren Arbeitsbereichen Armensorge, Sozial- und Pastoralarbeit und Krankenhausseelsorge umgesehen und dann auch die Stadt erkundet, derne Hochhäusermeer kaum mehr als schön zu bezeichnen ist. Ein spektakuläres Ereignis war für mich auch die Messe in einer Krankenhauskapelle am Sonntag, die vom emeritierten Erzbischof von São Paulo, Dom Paulo Evaristo Kardinal Arns zelebriert hat, der zeitlebens ein Kämpfer für die Armen war und massgeblich am Ende der Militärdiktatur und der Einrichtung des Grossprojektes “Pastoral da Criança”(siehe letzter Rundbrief) beteiligt war.

 

Am Montag vergangener Woche dann ist mein Vater nach Deutschland zurückgeflogen und seitdem versuche ich, meine letzten Wochen bestmöglichst zu nutzen.

  

  

  

7.                Aktuelles; Rückkehr

    

In nunmehr nur noch 16 Tagen werde ich Leme und Brasilien und damit dieses mir so liebgewordene Land und seine Menschen, meine Kinder der Creche, aus dem Imperial und die Schützlinge in den Stadtrandgebieten verlassen müssen. Wenn ich daran denke, wann ich wohl das nächste Mal hierher kommen werde (einen Besuch irgendwann habe ich vielen hier und auch mir selbst versprochen) und was sich dann alles verändert hat, wie gross die Kinder dann allein schon sind, dann kann ich ein gewisses Gefühl der Traurigkeit nicht leugnen, auch wenn ich mich natürlich auch freue, wieder zurückzukehren. Ich bin gespannt auf die kommenden Wochen.

 

In jedem Fall werde ich, soweit alles wie geplant klappt, am 14. April spätnachmittag in Frankfurt landen und somit abends in Nesselröden ankommen. Dann werde ich eineinhalb Wochen frei haben, um dann Ende April die zweite Hälfte meines Zivildienstes in Bestwig / Sauerland zu verbringen.   

 

 

 Ich hoffe, mein letzter Bericht hat Euch meinen Aufenthalt und meine Tätigkeit hier noch einmal näher gebracht. Vieles von dem, was ich geschildert habe, bedürfte noch genauerer Erläuterung, aber das würde den Rahmen eines Briefes sprengen.

 

An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für Eure Briefe und e-Mails in den vergangenen Monaten. Jetzt würde ich empfehlen, keine Briefe mehr zu schicken, da ich sie mit grösster Wahrscheinlichkeit kaum mehr erhalten werde.

 

 

 

 

Euch allen wünsche ich für die kommende Zeit alles erdenklich Gute

 

Euer Andreas

 

 

 

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