Bericht von Andreas Braun

 

"Meine Erlebnisse als Zivildienstleistender in Brasilien"


     

Rundbrief II

 

Andreas Braun, Leme / S.P., den 25. Januar 2004

 

Mein zweiter Rundbrief soll das beschreiben, was sich hier in meiner Arbeit verändert und was sich in den zwei Monaten seit meinem ersten Rundbrief ereignet hat. Das sollen natürlich auch unter anderem die schönen Erlebnisse meiner Reise sein. Dennoch dürfen die negativen Dinge der Armut in Leme nicht ausgespart bleiben.

 1.)        Allgemeines

 Seit nunmehr zwei Wochen bin ich wieder im alten Rhythmus, nachdem ich zuvor drei Wochen Weihnachtsferien hatte. Die Creche läuft wieder und die Zeit vergeht sehr schnell. Oft denke ich, sie vergeht zu schnell, denn seit einer Woche läuft schon die zweite Hälfte meines Aufenthalts. Letzte Woche wurde von der Bundespolizei mein Kurzzeitvisum gerade um ein Vierteljahr verlängert, so dass ich bis Mitte April bleiben kann wie beabsichtigt.  

In meiner Arbeit haben sich insofern Veränderungen ergeben, als dass ich jetzt vielmehr ausserhalb der Creche tätig bin um meine “Schützlinge”in den Stadtrandvierteln aufzusuchen. Ansonsten bin ich aber trotzdem noch sehr viel in der Creche, in der gerade eine kleine Eingewöhnungsphase läuft, da mit dem neuen Schuljahr auch alle Gruppen und Erzieherinnen wechselten. Ausserdem sind über 25 Kinder neu in der Creche, was sich insbesondere bei den ganz kleinen auswirkt. So sind jetzt 16 Kinder im Babysaal, das jüngste gerade erst zwei Monate alt. Mein “Sohn” gehört somit zu den ältesten bei den Babys und derzeit fängt er langsam an zu gehen, was ich nun täglich mit ihm übe. In meiner Gruppe sind nun die neuen Erstklässler, von denen ich die meisten schon vorher kannte. Insgesamt jedoch hat sich in meiner Tätigkeit in der Creche eher wenig verändert.

 Mein Wochenplan ist derzeit in etwa folgender: Montags und Freitags bin ich noch die meiste Zeit in der Creche. Am Dienstag und Donnerstag bin ich morgens bei der Physiotherapie mit Leandro und nachmittags zur Kinderbetreuung im Stadtrandviertel “Imperial”. Mittwochs besuche ich José und Familie und gegebenenfalls erledige ich gerade anfallende Aufgaben, Besuche usw. (zu Leandro, José und zum “Imperial” mehr Informationen später in diesem Brief).An den Wochenenden habe ich jetzt mehr frei, da derzeit weniger Katechese ist. Dafür sind meine Wochentage deutlich ausgefüllter als noch vor den Ferien.

Mein allgemeines Befinden ist sehr gut. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Arbeit und auch sonst fühle ich mich rundum wohl.

 Im Konvent haben sich einige Neuerungen ergeben, bedingt durch die Versetzung einiger Schwestern in andere Konvente. Gleichzeitig sind jetzt vier Mädchen da, drei davon erst 16/17 Jahre alt, die Ordensschwestern werden wollen. Allgemein fühle ich mich auch im Konvent sehr wohl, auch wenn mich durchaus öfters die Ironie der Schwestern trifft, da ich logischerweise immer noch der einzige Mann dort bin. Das äussert sich meistens darin, dass ich ausgelacht werde, wenn ich abwasche (Zitat: ”Lass mich das mal machen. Ich sehe ja, dass du es nicht kannst.”), dass mir ironische Kommentare entgegnet werden, wenn ich mich einmal mehr wieder darüber beklage, dass ich meine Wäsche selbst waschen muss, und in vielen anderen Situationen. Das ist aber alles nicht böse gemeint und heitert die Stimmung auf.

   

2.)        Weihnachten

 Die Weihnachtszeit war ein Erlebnis für sich. Etwa seit Ende November waren alle öffentlichen Gebäude und Plätze geschmückt, und zwar mit Plastikschneemännern, -weihnachtsmännern, -engeln und sonstigem künstlichen Kram. Am Rathaus kletterten Weihnachtsmänner auf und ab und am Kulturhaus dirigierte der Weihnachtsmann einen Chor von Engeln. In den Privathäusern und Vorgärten der reicheren Menschen sah man künstliche Weihnachtsbäume in allen nur erdenklichen grausigen Farben, von Silber über Rosa bis Blau war alles dabei, mit bunten blinkenden Lichterketten. Für meinen Geschmack etwas zu übertrieben, besonders bei bis zu 35 Grad Hitze.

 In den ärmeren Gebieten hingegen war von Schmuck keine Spur, das andere Extrem. Die Weihnachtszeit verging dort so wie jede Jahreszeit.

 In der Creche wurde selbstverständlich auch dekoriert, teils so extrem wie hier üblich, teils aber auch eher schlichter nach deutscher Art. Am 12. Dezember war dann die Weihnachtsfeier der Creche und der Schule, für die alle Klassen und Gruppen etwas vorbereitet hatten. Zum Schluss kam dann das wirkliche Highlight, nämlich die Krippenszene meiner Gruppe. Sr. Maria Ludwigis, die Leiterin der Creche, kam auf die Idee, das ganze musikalisch zu begleiten. Dazu waren Theresia und ich natürlich bestens geeignet. So spielten wir “Stille Nacht” vor, während die Kinder das Weihnachtsgeschehen darstellten, Theresia auf der Blockflöte und ich auf einem kleinen Xylophon, etwa auf dem musikalischen Anspruchsniveau eines Erstklässlers. Aber die Menge war begeistert. Danach gab es Kuchen für alle und Süssigkeiten für die Kinder.  

An Heiligabend spürte man zuerst noch wenig davon, das Weihnachten war, denn bis in den Nachmittag hinein war überall noch viel Betrieb und ausserdem mussten alle noch arbeiten, da nur der Nachmittag und der erste Weihnachtstag gesetzliche Feiertage in Brasilien sind. Gegen 16.00 Uhr begannen dann die Feiern im Konvent. Nach einer kurzen Andacht in der Kapelle ging es in das Wohnzimmer. Dort “mussten” wir (eigentlich wurden wir nur sehr dringend darum gebeten) wieder “Stille Nacht” vorspielen, diesmal ich auf dem verstimmten Klavier und Theresia wieder mit Blockflöte. Da die Schwestern teilweise die Tonlängen und -höhen nicht ganz trafen, hatten wir einige Mühe damit. Anschliessend gingen wir in den festlich geschmückten Speisesaal. Dort gab es dann keine Bescherung, sondern wir spielten “Amigo Secreto”, die brasilianische Variante des Wichtelns, die sich ausserordentlich grosser Beliebtheit erfreut. Weil wir jedoch den Modus etwas falsch verstanden hatten, haben wir ein wenig von der Spielfreude zerstört. Danach gab es dann verschiedenste Kuchen, einen Obstkorb mit allen nur möglichen Früchten und ein kleines kaltes Buffet.

 Nach dem Essen konnte jeder die Messe besuchen wie er wollte. Ich war in der nächstgelegenen Kirche “São Manoel”, wo um 21.00 Uhr die Christmesse stattfand. Da ich erst 10 Minuten vorher kam, musste ich mich mit einem Stehplatz ganz hinten in der Ecke begnügen, denn die Kirche war wirklich übervoll. Durch meine Grösse konnte ich aber dennoch alles gut sehen. Die Messe begann in völliger Dunkelheit. Dann wurden Kerzen angezündet und zum Gloria gingen dann alle Lichter an und es läuteten sogar Glocken. Bis dahin habe ich gar nicht gewusst, dass die Kirche auch Glocken hat, da sie sonst nie läuten. Das ganze erinnerte mich irgendwie sehr an die Feier der Osternacht bei uns. Anschliessend hielt eine bis auf die Puppe des Jesuskindes lebendige Krippe Einzug, die sich vor dem Altar postierte. Ansonsten war alles wie in jeder Messe und insgesamt für meine Empfinden nicht sehr feierlich. Auch sang kaum jemand die Lieder mit, nicht einmal die portugiesische Version von “Stille Nacht”. Ich habe hier schon deutlich feierlichere, lebendigere Messen erlebt.

 Theresia war zur selben Zeit mit meinem Fahrrad in einer anderen Kirche. Obwohl sie das Fahrrad in der Nähe der Kirche angekettet hatte, wurde es natürlich prompt gestohlen, was dazu führte, dass ich nun ein schönes neues Fahrrad besitze.

 Am ersten Weihnachtstag gab es morgens im Konvent ein ausgiebiges Frühstück und anschliessend ging es zur Festmesse in eine andere Pfarrkirche, die nun aber wirklich gar nicht festlich und eine einzige Enttäuschung war. Es waren weniger Leute da als an gewöhnlichen Sonntagen und an Gesang war erst gar nicht zu denken. Man erklärte mir, dass sei so normal, da die meisten Leute abends in die Messe gehen und danach erst die Bescherung und das Festessen stattfänden bis spät in die Nacht hinein. Zum Mittag gab es das traditionelle Weihnachtsgericht, nämlich Truthahn und Gemüsereis, dazu auch noch Schweinebraten und Kartoffeln. Den Nachmittag verbrachten wir in unserer Wohnung mit Fernsehen und Lesen. Also insgesamt ein ruhiges, nicht allzu ereignisreiches Fest.  

Meine Bilanz vom brasilianischen Weihnachten fällt daher auch nciht allzu positiv aus. Wäre ich ein solcher “Weihnachtsfanatiker” wie viele Deutsche, wäre ich sicherlich sehr enttäuscht gewesen. So war es für mich aber eine interessante neue Erfahrung, die ich aber nicht jedes Jahr brauche. Immerhin wurde mir von vielen Personen zugesichert, dass Ostern hier das Fest aller Feste sei, auf das ich gespannt sein solle.

3.)        Reisebericht  

Am zweiten Weihnachtstag brachen wir morgens um 7.00 Uhr auf zu unserer eineinhalbwöchigen Reise, die uns etwa 2000 Kilometer durch die Bundesstaaten São Paulo, Minas Gerais und Rio de Janeiro führen sollte. Das ganze war schon deshalb ein kleineres Abenteuer, da wir alle Fahrten per Bus erledigten, wobei wir vorher weder Fahrkarten gekauft, noch Fahrpläne gesichtet hatten. Da es in Brasilien fast keine Eisenbahn gibt und Inlandsflüge auch nicht günstig sind, gibt es ein sehr gutes System von Überland- und Langstreckenbussen. Dabei muss gesagt werden, dass die Busse durchaus recht komfortabel sind, teilweise sogar besser als viele deutsche Reisebusse. Die Fahrpreise variieren je nach Busgesellschaft und Bustyp, meist etwa umgerechnet gut 5,- Euro pro 100 Fahrtkilometer.

 Unser erstes Ziel lautete Ouro Preto, etwa 800 Kilometer von Leme entfernt. Um dorthin zu gelangen, brauchten wir insgesamt 18 Stunden und starke Nerven. Nachdem wir einige Male die Hoffnung aufgegeben hatten, die richtigen Anschlussbusse zu bekommen, weil sie entweder schon voll waren oder erst Stunden später abfuhren, kamen wir dennoch abends in Belo Horizonte, der Metropole von Minas Gerais mit 2,2 Mio. Einwohnern, an. Der Weg dorthin führte uns über immer schlechtere und schmalere Strassen durch das wunderschöne Bergland von Minas mit Seen, Flüssen, steilen Bergen, tiefen Schluchten und einer grandiosen Natur. Trotzdem konnte man die Fahrt nicht ganz ungetrübt geniessen, da der Busfahrer trotz des schlechten Fahrbahnzustandes und trotz der engen Kurven nicht daran dachte, das Tempo zu vermindern. In Ouro Preto kamen wir endlich um 1.15 Uhr in der Nacht total erschöpft an. Unsere Pension war Gott sei Dank nahe am dortigen Busbahnhof. Ansonsten wären wir nämlich noch beinahe erfroren, denn es war sehr kalt bei maximal 13 Grad nachts. Wir waren nämlich in kurzen Sachen gereist, weil ja Sommer ist, obwohl ich mir eigentlich hätte denken müssen, dass es bei 1200 Metern über dem Meeresspiegel nicht sehr heiss wird. So mussten wir die kommenden Tage bei 20 Grad frieren und wurden nur dadurch aufgewärmt, dass wir alle Sehenswürdigkeiten zu Fuss aufsuchten.     

 Ouro Preto ist eine kleine Stadt, die aufgrund ihrer Berglage an steilen Hängen, ihrem Reichtum an historischen (Barock-) Bauten und ihrem Gesamterscheinungsbild sehr sehenswert ist und zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Die Stadt war Zentrum des brasilianischen Goldrauschs des 18. Jahrhunderts, Hauptsstadt von Minas Gerais als es diesem sehr eigentümlichen brasilianischen Bundesstaat noch gut ging und ist bis heute ein kulturelles Highlight des Landes. Unseren ersten Tag verbrachten wir damit, alle Sehenswürdigkeiten mitzunehmen, die es dort gibt. Das sind hauptsächlich Barockkirchen und Paläste, wobei gesagt werden muss, dass alles eher schlechter in Stand gehalten ist als man es erwartet hätte. Ausserdem ist es doch sehr merkwürdig, dass die Statuen in den Kirchen echtes Menschenhaar und echte Kleidung haben. Insgesamt ist alles dort sehr interessant und sehenswert. Den zweiten Tag verbrachten wir zum Teil in der Nachbarstadt Mariana, die fast ebenso interessant ist wie Ouro Preto.

 Am Montag, dem 29. Dezember, fuhren wir um 8.00 Uhr ab Richtung Rio de Janeiro. Diesmal hatten wir einen Bus gefunden, der die 7-stündige Strecke ins 450 Kilometer entfernte Rio direkt fährt. Rio empfing uns laut, hektisch und dreckig, was auch daran lag, dass der Busbahnhof in der Nordzone liegt, die durch Industrie und Wohngebiete der Arbeiter und unteren Schichten gekennzeichnet ist. Mit dem Taxi fuhren wir zu unserer Wohnung in den Stadtteil Copacabana. Das unbewohnte Apartment gehört Freunden meines Onkels, die uns freundlicherweise dort haben wohnen lassen. Wir hatten also enormes Glück, denn wir wohnten eine Woche in einer tollen Wohnung nur gut fünf Minuten vom weltberühmten Strand entfernt. Ausserdem war es dort vergleichsweise sicher. Zwar sind einige Horrorszenarien, dass man besser nicht nach Rio reisen sollte, sicherlich übertrieben, aber stimmt es schon, dass man aufpassen muss. Nachts hörte man öfters auch schon mal Schiessereien in der Ferne, an den Berghängen der Favelas. Diese haben wir nicht besucht, da es für uns allein viel zu gefährlich gewesen wäre und wir nicht mit “Favela-Tours” dorthin wollten, was in etwa so gewesen wäre, als ob man einen Zoo besuchte, nur das es sich hierbei um Menschen gehandelt hätte, die sich Touristen präsentieren.

So sahen wir in dieser knappen Woche vielfach nur die schönen Seiten dieser Stadt. Rio de Janeiro als Gesamtbild ist wirklich äusserst schön. Die Brasilianer nennen sie “Cidade Maravilhosa” (= wunderbare, wunderschöne Stadt). Kilometerlange Sandstrände, malerische Buchten, steil aufragende Berge, sattgrüne Wälder und ein gigantisches Häusermeer bilden ein atemberaubendes Panorama, das auf den ersten Blick nicht ahnen lässt, dass von den 8 Mio. Menschen innerhalb der Stadtgrenze und nocheinmal 4 bis 5 Mio. in den angrenzenden Orten etwa 70 % in mehr oder weniger schlimmer Armut leben.

 Alle Sehenswürdigkeiten aufzuzählen würde zu lange dauern und dazu kann man auch einen Reiseführer zur Hand nehmen. Gesagt werden muss aber, dass sich ein Besuch in Rio allein schon wegen der imposanten Statue des Christus-Erlösers, die sich 30 Meter hoch auf dem 700-Meter-Berg Corcovado erhebt und von fast allen Stadtteilen aus gesehen werden kann, und der damit verbundenen grandiosen Sicht lohnt. Auf dem ebenso berühmten Zuckerhut hingegen hatten wir Pech, da es gerade zu regnen begann als wir oben waren und ein dicker Nebelschleier über der Stadt hang. Die Strände, insbesondere die Copacabana, sind bei gutem Wetter überfüllt mit Menschen aller Hautfarben, sozialen Schichten und Verhaltensweisen. Man darf sich nicht wundern, wenn Menschen nur in Badehose oder Bikini durch die Strassen laufen oder mit den Bussen fahren, denn wer zum Strand will oder von dort gerade zurückkommt, braucht nichts ausser das Nötigtste anzuziehen. Natürlich gibt es auch ganz komische, abgedrehte Menschen dort, bei deren Verhalten selbst viele Brasilianer den Kopf schütteln. Trotzdem muss man das auch als “Missionar auf Zeit” erlebt haben.

 Da wir zum Jahreswechsel dort waren, mussten wir natürlich Silvester an der Copacabana verbringen, wo sich laut Zeitungsberichten dieses mal so viele Menschen aufhielten wie seit dem Jahrtausendwechsel nicht mehr, etwa 2 bis 2,5 Mio. Menschen, und das auf einer 4,5 km langen und 80 Meter breiten Strandpromenade. Das Gedränge kann man sich vorstellen, und wir mitten dazwischen. Um 0.00 Uhr dann begann ein riesiges Feuerwerk, das etwa 25 Minuten dauerte und dessen Kosten man sich besser nicht vor Augen führen sollte, wenn man an die Armut dieser Stadt denkt. Den Abschluss bildete ein Feuerwerksarrangement in Form des Christus, jedoch noch grösser als dieser (wirklich!), der gleissend-golden die ganze Bucht erhellte. Zwar war das ganze Spektakel und das Erlebnis von Silvester auf einer der grössten Partys der Welt echt super, doch wurde die Feier etwas dadurch getrübt, dass wir niemenden kannten und zu zweit unter den Menschenmassen etwas allein waren.

Ganz besonders beeindruckend neben den Touristenmagneten, den kuriosesten Menschentypen und der Silvesterfeier war jedoch für mich das Treffen mit unseren Gastgebern. Dazu muss man wissen, dass sie deutschstämmige Brasilianer sind und zusätzlich sehr, sehr reich, auch für deutsche Verhältnisse. Ich möchte nicht sagen, dass sie unfreundlich oder abgehoben im Umgang mit uns waren, zumal wir ja von ihrer Freundlichkeit ausserordentlich profitierten, aber es war doch ein komisches Gefühl im exklusiven “Deutschen Club” eingeladen zu sein, in dem die “High-Society” verkehrt. Es war schon merkwürdig aus dem “mittelständischen” Nesselröden kommend, über das arme Leme in eine solche Gesellschaft eingeladen zu werden.

 Am Montag, dem 05. Januar, fuhren wir frühmorgens aus Rio fort und erreichten gegen 13.00 Uhr Aparecida, den grössten Wahlfahrtsort Brasiliens. Die “Nossa Senhora de Aparecida” (= Unsere Liebe Frau von der Erscheinung) ist die offizielle Schutzheilige Brasiliens, vom Vatikan anerkannt und vom brasilianischen Staat mit einem Nationalfeiertag am 12. Oktober geehrt. Die etwa 60 cm grosse Figur “erschien” vor gut 300 Jahren zerbrochen in einem Netz armer Fischer und wirkt seitdem Wunder für ganz Brasilien und seine Menschen. Jährlich pilgern über 3 Mio. Menschen zu ihr ins sog. “Nationalheiligtum”. Der Montag, an dem wir dort waren, war jedoch nicht so gut besucht; ehrlich gesagt war es sehr leer dort. Trotzdem waren allein die Atmosphäre, die riesige Basilika, die betenden Menschen, die geschmückte Figur usw. erlebenswert.

 Abends dann kamen wir endlich wieder in Leme an und erinnern uns auch jetzt immer noch gerne an diese tolle, erlebnisreiche Reise.      

   

4.)        José und Familie

Ein- bis zweimal pro Woche besuche ich eine Familie im Stadtrandgebiet. Dort haben die Schwestern für die Eltern und ihre acht Kinder ein kleines Haus gebaut, das den Grundbedürfnissen entspricht und jedenfalls besser ist als andere hier (siehe später im Kapital “Leandro”). Die Familie stammt aus dem armen Nordosten Brasiliens, aus dem Bundesstaat Alagoas, und ist vor drei Jahren in der Hoffnung auf ein besseres Leben hierher gezogen. Das Haus hat zwei Schlafräume, einer für die Eltern und einer für die Kinder, ein ganz kleines Badezimmer mit Duschecke, eine kleine Küche und ein für die Familiengrösse winziges Wohnzimmer.

Die Kinder bilden etwa drei Altersgruppen. Die ältesten sind der 17-jährige José, der körperlich und geistig behindert ist, und seine 16-jährige Schwester. Danach kommen drei Jungen im Alter von 11 bis 13 Jahren und drei kleine Mädchen von 6 bis 8 Jahren. Die Eltern haben in der Erntesaison Arbeit in den Orangenplantagen, verdienen jedoch nicht mehr als jeweils den Mindestlohn von 90,- Euro im Monat. Während diese bei der Arbeit sind, liegt die ganze Verantwortung für die Kinder bei der ältesten Tochter. Weder sie, noch ihre Eltern oder sonst irgendjemand in der Familie können lesen und schreiben. Nur die jüngeren Kinder besuchen mit mehr oder weniger Erfolg die Grundschule.

José ist absolut liebenswürdig und ein sehr fröhlicher Mensch. Er kann weder sprechen noch richtig laufen. Er teilt sich nur durch einfache Zeichen und Töne, die er von sich gibt, mit. Auf allen Vieren kriechend oder mit fremder Hilfe kann er sich fortbewegen. Jedoch muss gesagt werden, dass er heute in einer viel besseren Verfassung wäre, hätte er seit Kindheit an Therapie und ärztliche Betreuung gehabt. So hat er bis zu seinem 15. Lebensjahr nie einen Arzt gesehen.

Wenn ich dort zu Besuch bin, spreche ich ein paar einfache Sätze mit José und seinen Geschwistern, mache ein paar Physiotherapieübungen mit ihm oder spiele mit seinen Geschwistern. Jetzt in den Ferien ist das besonders nötig, da die Eltern den Kindern nicht erlauben, sich ausserhalb des Hauses aufzuhalten, und zwar aus (berechtigter?) Angst, dass sie auf die schiefe Bahn geraten. Da die Familie aber kein Geld für Spielzeug hat, herrscht oft absolute Langeweile. Daher habe ich letzte Woche erst einmal Spiele für sie gebastelt, und zwar einfache Spiele wie Dame-Bretter usw.

An dieser Stelle muss das “coolste” Brettspiel erwähnt werden, das es hier gibt und sich grosser Beliebtheit erfreut. Es heisst “Himmel-Hölle-Spiel” und ist ganz einfach. Man rückt auf dem Spielfeld vor mit dem Ziel “Himmel”. Zwischendurch kann man auf positive Felder wie “Glaube”, “Liebe”, “Frömmigkeit” oder “Freigiebigkeit” geraten, durch die man vorrücken und näher zum Himmel kommen kann, aber auch auf negative Felder wie “Faulheit”, “Hochmut” oder “Neid”, die einen zurückwerfen. Gerät man ins “Fegefeuer” muss man zweimal aussetzen, gerät man aber gar in die “Hölle” scheidet man aus. Ein solches Spiel kann ich mir in Deutschland für Kinder schlecht vorstellen. In jedem Fall haben die Kinder hier Spass daran und lernen dabei, was gut und schlecht ist. Und eben ein solches habe ich für die Familie auch gebastelt.    

Diese Familie besuche ich sehr gerne, weil sie sich auch immer freut, wenn ich komme und ich mich dort sehr angenommen fühle. Die letzte Woche war jedoch ein wenig traurig. Am Dienstag kam Josés Vater hier in die Creche und berichtete, dass er und seine Frau seit zwei Wochen keinen Lohn bekommen hätten. Beide Eltern ernährten sich von den Orangen auf den Plantagen, aber für seine Familie seien die Essensvorräte ausgegangen. Für solche Fälle haben die Schwestern immer Reis und Bohnen da, so dass ihnen erst einmal geholfen werden könnten. Ansonsten geht jeden Monat sowieso noch ein Essenspaket an die bedürftigen Familien, zu denen auch Josés Familie gehört. Aber trotzdem geht es dieser Familie noch nicht am allerschlimmsten.     

 

5.)        Leandro und Familie

Am Dienstag und Donnerstag vormittag gehe ich zur Physiotherapie mit Leandro, den ich auch manchmal noch bei ihm zu Hause besuche. Leandro ist 9 Jahre alt und querschnittsgelähmt, und zwar deshalb, weil er als kleines Kind angeschossen wurde. Ich weiss nicht warum und von wem, aber ich frage auch solche Dinge nicht, weil ich nicht zu neugierig in den Problemen dieser Familie nachforschen möchte. Die ganzen Informationen über ihn und seine Familie habe ich durch meine eigenen Eindrücke, Erzählungen der Schwestern und Berichte seiner Mutter, sofern ich sie verstehe.

Seine Mutter ist mit ihm und seinem 6-jährigen Bruder vor zwei Jahren hierher gezogen, wie Josés Familie auch aus Alagoas. Drei weitere Kinder von ihr wohnen noch dort. Ich glaube, dass das Ganze mehr eine überstürzte Flucht war, vielleicht vor dem Vater. Hier in Leme wohnt die Familie in einem der schlimmsten Wohnverhältnisse, die es gibt. Und zwar handelt es sich um ein ganz kleines Häuschen auf einem Hinterhof eines anderen Hauses. Leandro und sein Bruder schlafen auf zwei Liegen in ihrem Zimmer, das sonst nur noch einige wenige Pappkartons mit der ganzen Habe der Familie enthält. Die Küche ist wie das ganze Haus und der Hof dreckig und uralt, das Zimmer der Mutter habe ich noch nie gesehen. Essen würde ich dort nichts, aber es gibt ja auch nichts, was sie mir anbieten könnten. Ob es eine funktionstüchtige Toilette oder gar ein Bad gibt, weiss ich nicht, aber die Vermutung ist nicht unberechtigt, dass sie nicht vorhanden sind.

Sr. Ana, die hier für die Sozialbetreuung einzelner Familien zuständig ist, kümmert sich um diese Familie ganz besonders. Aus diesem Grund kommt die Mutter mit Leandro jedes Mal nach der Physiotherapie hier in die Creche mit immer neuen Problemen, Rechnungen, Fragen usw. Anfang dieses Monats hatte Leandro eine Blutvergiftung mit hohem Fieber und lag deshalb hier im Krankenhaus der Schwestern. Jetzt ist er wieder zu Hause, aber diese vergangene Woche war für Sr. Maria Ludwigis, Sr. Ana, die Sozialassistentin Vera und mich, die wir für diese Familie zuständig sind, besonders schlimm. Zur Genesung nach seiner Krankheit sollte er ordentliches Essen bekommen, weshalb die Schwestern der Familie eine Extraration haben zukommen lassen. Nun aber waren irgendwelche dubiosen Verwandten zu Besuch, so dass sich über zehn Personen in dem Haus aufhielten, für die das Essen natürlich nicht reichte. So hat die Mutter (es muss bei allem Respekt leider gesagt werden, dass sie nicht nur Analphabetin, sondern einfach auch dumm ist) für ihn als Genesungsspeise eine Schale heisses Wasser bereitet, in die sie ein paar Brocken Suppenpulver gestreut hat, serviert mit einem Salzcracker! Die Schwester war über diese Szene so erschüttert, dass sie beim Bericht dessen bald zu weinen angefangen hätte.

Am Dienstag nach der Physiotherapie waren Leandro und seine Mutter noch bei mir in der Wohnung. Ich hatte sie eingeladen, weil er noch nichts gegessen hatte und deshalb schon bei den Übungen sehr schwach war. In der Wohnung begann dann die Mutter auf einmal zu weinen und mir ihre ganze Lebens- und Leidensgeschichte erzählen. Bisher war sie immer eher reserviert und still mir gegenüber. Sie berichtete, sie wolle nach Alagoas und ihre anderen Kinder holen, habe aber kein Geld für die Fahrt und wisse nicht, wo sie Leandro lassen könne. In dieser Situation wusste ich auch nicht, was ich nun machen sollte und was sie nun von mir erwartete. Deshalb habe ich sie einfach nur berichten lassen und kaum kommentiert. Für solche Fälle fühle ich mich nicht präpariert. Derzeit wissen wir den aktuellen Stand der Lage noch nicht, aber die Besorgnis ist gross. Die Schwestern planen jetzt, für diese Familie ein neues Haus zu bauen und eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Mal sehen, wie sich das so entwickelt. In jedem Fall sind Besuche dort für mich nicht immer ganz einfach.       

6.)        Lebenssituation der Armen in Leme allgemein, Beispiel “Imperial”

Wie Leandro und José leben hier nicht wenige Familien. Das gemeinsame Kennzeichen aller ist die schlimme Wohnsituation und die Perspektivlosigkeit. Als Beispiel für ein Armenviertel möchte ich ein wenig aus dem Stadtrandgebiet “Imperial” berichten, dessen Namen makabererweise übersetzt “Das Kaiserliche” bedeutet.

Imperial liegt am äusseren Rand vom Leme, die Leute leben nicht nur örtlich gesehen am Rand der Gesellschaft. Es ist ein hauptsächlich von kinderreichen Familien, oft aus dem Nordosten stammend, bewohntes Gebiet. Man kann das Viertel nicht Favela nennen, denn die Familien besitzen alle ein eigenes kleines Haus mit Wasser- und Stromanschluss. Für mehr reicht das Geld aber meistens nicht. Ausreichende oder gar ausgewogene Ernährung ist bei vielen nicht sicher, medizinische Versorgung und Kleidung ist nicht ausreichend vorhanden. Wenn die Eltern zum Mindestlohn Arbeit in der Landwirtschaft  haben, geht es den Familien zwar ein bisschen besser, aber die Kinder sind dann ganz allein. Für diese gibt es kaum Beschäftigung ausser eines Fussballplatzes, der aber in der Hand der arbeitslosen Jugendlichen und Erwachsenen ist. Deshalb suchen sich die Kinder Spielmöglichkeiten in der nahen Umgebung oder kommen auf dumme Gedanken. Die Kinder sind fast immer draussen, egal ob bei 35 Grad im Schatten oder bei peitschendem Regen. Öffentliche Einrichtungen und soziale Versorgung  gibt es weder für sie, noch für die Erwachsenen.

Die Schwestern haben dort einen Gemeindesaal, der Anlaufstelle für viele Bedürftige ist. Ihre Hilfe äussert sich darin: erstens den Menschen in Notsituationen zu helfen beim Aufbau von Häuschen und Lebensmittel, Kleider- und Medikamentenversorgung, zweitens in der Kinderpastorale zu Fragen der Kindergesundheit, drittens in monatlichen Messen und viertens in Freizeitgestaltung für die Kinder. Seit zwei Wochen läuft nun am Dienstag und Donnerstag nachmittag von 14.00 bis 16.30 Uhr eine Kinderbetreuung, die wir MaZ`ler zusammen mit einer Mutter aus dem Viertel begleiten. Wir spielen und basteln mit den Kindern im Alter von drei bis 13 Jahren und bereiten noch ein kleines Kaffeetrinken mit Saft und Keksen. Das ist je nach Altersdurchschnitt und Kinderanzahl mehr oder weniger anstrengend. Die Kinder sind teilweise auch sehr ungepflegt und schmutzig. Ein kleiner Junge, Romeo, hat mich anscheinend besonders lieb, denn er will dauernd bei mir auf den Arm oder auf den Rücken zum “Cavalinho”-Spielen (= Pferdchen). Er lebt mit seinem Vater und der Familie seiner Stiefmutter zusammen. Oft hat er Wunden und Geschwüre am Körper und sowieso ist er immer dreckig. Er läuft den ganzen Tag in einer zerrissenen kurzen Hose herum. Bislang hbe ich ihn nur einmal mit T-Shirt und Schuhen bekleidet gesehen, und zwar gestern bei der Messe. Dieser Junge tut mir besonders leid, auch weil er innerhalb der Kindergruppen isoliert ist. So wie ihm geht es aber vielen anderen Kindern im Imperial.

Zur Armutssituation insgesamt gibt es zu sagen, dass mir auffällt, wie dumm und naiv die Menschen teilweise sind. Ich bitte darum, mich nicht falsch zu verstehen, dass ich nur über sie herziehe, aber manche Verhaltensweisen kann ich mir einfach nicht anders erklären und ausserdem können sie ja nichts dazu. So besitzt beispielsweise jede Familie einen schönen Farbfernseher, manchmal sogar Satellitenantenne, selbst Familien, in denen Hunger oder Mangelernährung herrscht. Einige können mit Hilfestellungen der Schwestern kaum etwas anfangen, so dass die Schwestern viel mehr Betreuungsarbeit leisten müssen als normalerweise nötig wäre. Und wieder andere denken, die Hilfe der Schwestern würde ihre Eigenleistung ersetzen, so dass sie wegen jeder Kleinigkeit zu Bittstellern werden.

Noch vieles mehr gäbe es zu berichten zu diesen Themen, aber ich will nicht den Eindruck erwecken, Euch nur mit diesen Problemen nerven oder uns allen, denen es sozial bedeutend besser geht, ein schlechtes Gewissen einreden zu wollen.

Von einigen Seiten wurden an mich in letzter Zeit Anfragen zu Spendenmöglichkeiten gerichtet. Dem stehe ich selbstverständlich sehr positiv gegenüber. Nur möchte ich trotz allem Vertrauen in mich darum bitten, wenn zu spenden, dann bitte über die Schwestern direkt. Das erspart mir erstens die organisationsaufwendige Verwaltung und Weitergabe der Spendengelder, zweitens könnt Ihr dafür dann auch offizielle Spendenquittungen erhalten und drittens wissen die Schwestern immer noch viel besser als ich, wo die Hilfe am nötigsten ist. Garantieren kann ich jedoch, dass Spenden auch hier ankommen, wo sie gebraucht werden. So ist die Creche und die Sozialarbeit ohne deutsche Hilfe nicht einmal zum Teil aufrecht zu erhalten. Für Informationen über Spendenmöglichkeiten empfehle ich:

 

1.)   Die Internetseite   www.smmp.de  ; dort auf den Verweis “Aktuelles” klicken; weiter auf “Neuigkeiten”; der zweite Stichpunkt lautet “Weihnachtsaktion 2003”; an dieser Stelle gibt es allgemeine Informationen; unter dem Stichwort “Brasilien” dann genaures über den Verwendungszweck

2.)   Die e-Mail-Adresse   kontakt@smmp.de

3.)   Die Telefonnummer 02904-808-448

 

Das Konto für Spenden ist folgendes:

 

         Schwestern der hl. Maria Magdalena Postel

         Kontonummer: 321 000

                                   bei der Darlehenskasse im Bistum Münster (DKM)

         Bankleitzahl: 400 602 65

         Stichwort: Leme

 

 

 

7.)        Kurzberichte:

 

·        Das kirchliche Leben geht weiter seinen gewohnten Gang, wobei mir immer mehr auffällt, dass die katholische Kirche auch hier um ihre Stellung kämpft. Die Sekten mit ihren irdischen Heilsversprechungen finden grossen Anklang hier und auch hier praktiziert längst nicht mehr jeder Getaufte seinen Glauben. Dennoch ist das religiöse Leben tief verwurzelt in der Gesellschaft, wie ich es ja schon im ersten Rundbrief geschildert habe.

 

·        Meine Sprachkenntnisse haben sich schon sehr verbessert und ich kann einfache Gespräche schon recht flüssig führen. Das erleichtert das alltägliche Leben schon sehr.

 

·        Seit dieser Woche haben wir einen alten Farbfernseher von Freunden überlassen bekommen, wobei sich bei diesem als Problem erweist, dass er die Sender nicht speichern kann, so dass man zum Umstellen den gewünschten Sender per Drehknopf neu einstellen muss. In diesem einen Punkt geht es alles Familien hier besser als uns, aber wir gucken ja sowieso nur wenig, natürlich täglich unsere “Telenovela”, was uns zu richtigen Brasilianern macht.

 

·        Nach und nach lernen wir immer mehr zu unterscheiden zwischen “nur” freundlichen Menschen und Menschen, von denen man sagen kann, sie seien Freunde. Seit kurzer Zeit habe ich eine Bekanntschaft mit einer Familie in der Nachbarschaft des Konvents, die sehr nett ist (von denen haben wir übrigens den besagten Fernseher). Mit den Söhnen im Alter von 15 bis 21 Jahren unterneme ich manchmal etwas und dem ältesten und jüngsten gebe ich Deutschstunden, von denen ich selbst profitiere, da ich durch die Gespräche auch mein Portugiesisch verbessere.

 

·        Für die Menschen hier sind wir immer noch etwas Besonderes. In Gesprächen mit uns äussern einige Bewunderung für uns, was wir nicht verstehen. Fragen danach, warum wir das machen, warum wir kein “Heimweh” haben (die Brasilianer haben allgemein sehr viel Heimweh, selbst wenn sie nur kurz von zuhause weg sind), ob nun Deutschland besser sei oder Brasilien usw. sind auch nach drei Monaten noch häufig. Einige bewundern Deutschland als ob es das Paradies wäre (in mancherlei Hinsicht stimmt das aus brasilianischer Perspektive sicherlich auch). Andere wiederum wissen gar nichts über Deutschland. Das äussert sich darin, dass einige durchaus ernsthaft Fragen stellen wie “Sprechen deine Eltern auch Deutsch?” oder “Deutschland liegt doch neben China?”. Eine kleine Nebenbemerkung dazu: In Josés und Leandros Familie werde ich immer nur mit “Alemão”, also “der Deutsche”, angeredet. Meinen eigentlichen Namen wissen sie meiner Meinung nach gar nicht mehr. Immerhin verwenden sie diese Anrede in sehr positiver Form.

 

·        Ansonsten muss ich noch einmal betonen, dass es mir sehr gut geht. Die Probleme und Schicksale des Alltags hier kann ich gut aufnehmen. Man muss seine eigenen Wege finden, damit klarzukommen und kein schlechtes Gewissen zu haben, dass man es bedeutend besser hat als diese Menschen oder wenn man sich etwas leistet, was diese Menschen niemals könnten wie z.B. die Reise, Kinobesuche, Essengehen u.ä. Ich bin wirklich sehr glücklich, dass ich hier sein und diese Erfahrung machen kann und wünsche mir manchmal, in Deutschland würde mehr über die Welt und ihre Probleme berichtet, damit das Klagen aufhört. Unsere Probleme sind da, aber sie sind doch noch gering zu denen anderer Länder und Erdteile.

 

 

 

 

Ich hoffe, mein neuer Bericht hat Euch meinen Aufenthalt und meine Tätigkeit hier wieder näher gebracht. Vieles von dem, was ich geschildert habe, bedürfte noch genauerer Erläuterung, aber das würde den Rahmen eines Briefes sprengen.

 

An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich für die zahlreichen e-Mails und Briefe, die ich zu Weihnachten und auch sonst von Euch empfangen habe. Häufig überkreuzen sich Briefe und auf viele kann ich nicht immer antworten. Das bitte ich dann zu entschuldigen. Ich freue mich in jedem Fall immer sehr, wenn ich Nachrichten aus Deutschland bekomme. In letzter Zeit ist jedoch die Post etwas langsamer, so dass der bis dato langsamste Brief aus Deutschland genau sieben Wochen unterwegs war.

 

Hier beginnt jetzt die heisse Phase des Karnevals, aber São Paulo ist keine Hochburg dafür. Über das Fernsehen und Zeitungen ist man jedoch bestens informiert. Ausserdem bin ich ja sowieso nicht so ein “Karnevalsnarr”.

 

 

 

Euch allen wünsche ich für die kommende Zeit alles erdenklich Gute

 

Euer Andreas

 

 

 

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