Bericht von Andreas Braun

 

"Meine Erlebnisse als Zivildienstleistender in Brasilien"


     

Rundbrief I

 

 

Andreas Braun, Leme / S.P., den 20. November 2003

 

In diesem ersten Rundbrief moechte ich versuchen, alle die Dinge, die mir wichtig und interessant erscheinen, zu schildern. Das, was ich hier schon erlebt habe und tagtaeglich erlebe, ist so viel, dass dieser Rundbrief nur ein kleiner Ausschnitt aus diesen Erlebnissen sein kann.

   

1.     Ankunft, erste Eindruecke

 

Nach knapp 13 Stunden im Flugzeug und dem beengten Sitzen dort (fuer welche Durchschnittsgroesse ist denn eigentlich der Sitzreihenabstand berechnet?) kamen wir am 21. Oktober 2003 auf dem Flughafen in São Paulo an. Es war zwar frueher Morgen, doch man merkte schon die hohen Temperaturen. Wir betraten brasilianischen Boden.

 

Schwester (Sr.) Maria Ludwigis und Sr. Amália holten uns ab. Sr. Maria Ludwigis ist unsere Ansprechpartnerin hier und fuer die MaZ’ler verantwortlich. Sie ist gebuertig aus Deutschland, aber schon seit 45 Jahren hier in Brasilien taetig. Mit ihren 77 Jahren ist sie immer noch Leiterin der Creche (=Kindertagesstaette) und auch sonst noch recht ruestig. Insgesamt eine einfach sehr liebenswerte Person.

 

Mit dem Auto ging es dann Richtung Norden. Etwas ueber drei Stunden fuhren wir ueber eine nagelneue Autobahn, fuer deren Benutzung wir einige Male na Mautstellen bezahlen mussten. Eine Stunde unserer Fahrt verbrachten wir im Ringverkehr rund um den Nordosten der Megastadt São Paulo. Eine solche Stadt hat man noch nicht erlebt. Offizielle Einwohnermeldelisten sprechen von gut 10 Mio. Einwohnern allein im Stadtdistrikt, Schaetzungen gehen bis zu 15 Mio. Und im Grossraum, der staedtischen Agglomeration (ein Fremdwort fuer die lieben Geographen) sollen bis zu ueber 25 Mio. !!! Menschen leben. Unvorstellbar ist diese drittgroesste Stadt der Welt. An den Favelas auf der rechten Strassenseite und den Hochhaeusern und Wohnsilos auf der linken Seite vorbei ging es weiter Richtung Norden.

 

Gegen Mittag kamen wir in Leme an. Im Vorbeifahren sah man nicht sehr viel, ausserdem war man viel zu muede und gespannt auf das, was folgen wird. Der Weg fuehrte uns zuerst zu unserer Wohnung in der “Casa Anchieta” neben der Creche. Dort bezogen wir unsere Zimmer. Weiteres zur Wohnung habe ich ja schon mitgeteilt. Danach begreussten uns die Schwestern des Konventes sehr herzlich und spaeter bekamen wir eine Fuehrung durch die Creche, wo wir von einer Gruppe mit den Liedern “Ahli meini Aentschen” und “Zumm Dscheburstag viel Gluck” (na, erkannt?) begruesst wurden.

 

Das waren die ersten Eindruecke eines spannenden Tages. Weitere Dinge folgten, die teilweise in den folgenden Kapiteln eingebettet sind. Im Grunde genommen war fast alles neu fuer uns.

 

   

1.)        SMMP, die Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel, in Brasilien

 

Die brasilianische Provinz der SMMP zaehlt insgesamt 54 Schwestern und 4 Novizinnen, verteilt auf neun Orte in sechs verschiedenen Bundesstaaten. Hier in Leme leben 21 Schwestern in vier Konventen, in unserem Konvent, der gleichzeitig die Ordenszentrale bildet leben sechs Schwestern und drei Novizinnen.

 

Die anderen Einsatzorte und Konvente der SMMP in Brasilien sind in Campinas und São Paulo (beide wie auch Leme im Bundesstaat São Paulo), in Manoel Ribas (Bundestaat Paraná im Sueden), in Pomerode (Bundesstaat Santa Catarina, ebenfalls im Sueden), in Palmas und Lajeado (beide Bundesstaat Tocantins im Norden), in Balsas (Bundesstaat Maranhao im Nordosten) und in Manaquiri (Bundestaat Amazonas, direkt am Fluss bei Manaus.

 

Seit 1937 sind die Schwestern hier in Brasilien. Gegruendet von deutschen Schwestern sind sie auch heute immer noch verbunden mit den Schwestern bei uns in Deutschland, wo sich in Heiligenstadt das Generalat befindet, gleichsam die “Oberzentrale" der SMMP.

 

Die Hauptaufgaben liegen hier in der Kinderbetreuung und –erziehung in Crechen und Schulen, in der Versorgung alter und / oder kranker Menschen in Heimen und Hospitaelern sowie ganz besonders in der Pastoralarbeit. Pastorale heisst hier nicht nur Katechese, Religionsunterricht, Gemeindearbeit und Gottesdienste, sondern auch Sozialarbeit, Beduerftigenunterstuetzung und Notversorgung. Da greifen beide Elemente ineinander ueber.

 

Die Einsatzschwerpunkte einzelner Schwestern na dieser Stelle zu beschreiben, wuerde zu weit fuehren. Ausserdem werden sich in den naechsten Wochen einige Veraenderungen ergeben. Gesagt sei nur, dass die Schwestern hier so viel tun, was man einfach nur als gut bezeichnen kann. Sei es beispielsweise Sr. Ana, die mit ihrem VW-Kaefer durch die Viertel faehrt, um die Beduerftigsten zu besuchen, zu versorgen, ihnen einfach zu helfen. Sei es die schon erwaehte Sr. Maria Ludwigis oder die 79-jaehrige gebuertige Deutsche Sr. Gertrud Elisabeth, die sich ganz besonders der Drogenabhaengigen angenommen hat. Alle Schwestern sind in ihrem Einsatz einzigartig, was das Leben bei und mit ihnen so interessant und schoen macht.

 

   

2.)        Die Stadt Leme, Menschen und Probleme

 

Die Praefektur Leme (=so etwas wie ein Landkreis) hat etwa 85.000 Einwohner, davon fast alle in der Stadt, wenige nur in kleinen Siedlungen im 25 km-Umkreis. Die Stdt gliedert sich in das Zentrum, die aelteren Bairros (= Stadtviertel) drumherum und die neueren Villen (=Stadtrandsiedlungen) am aeusseren Rand.

 

Das Verkehrssystem ist aeusserst spannend, da fast alle Strassen Einbahnstrassen sind, aber dennoch ein funktionierendes Gesamtsystem bilden, in das wir uns natuerlich erst einmal eingewoehnen mussten. Mitlerweile schaffen wir es sogar ohne “Todesangst” ;) am Strassenverkehr teilzunehmen.

 

Im Zentrum mit seinen zahlreichen Geschaeften bekommt man alles zu kaufen und insgesamt viel geboten. Man waehnt sich in einer europaeischen Standarts entsprechenden, recht reichen Stadt. Faehrt man jedoch weiter raus, so erkennt man die Misere dieser Stadt, ja die Misere des ganzen Landes. Denn Brasilien ist eines der am staerksten Zweigeteilten Laender der Erde. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist so gravierend, dass man darueber den Kopf schuetteln moechte. Ich zitiere Sr. Maria Ludwigis: “Brasilien ist das aermste der reichsten Laender der Erde und das reichste der aermsten”.

 

Natuerlich kann ich na dieser Stelle keine Sozialstudie vornehmen, doch moechte ich kurz auf Probleme und deren (moegliche) Ursachen in Leme zu sprechen kommen. Die Stadt wird im Volksmund hier auch als Dormitório (=Schlafstadt) bezeichnet. Viele Einwohner kehren in den Erntesaisons nur zum Schlafen hierher zurueck. Ansonsten sind sie auf den zahlreichen Zuckerrohr-, Baumwoll-, Orangen- und Kaffee-Plantagen in der Umgebung zu finden. Neben der bedeutenden Landwirtschaft findet sich hier eher wenig Industrie, mit Ausnahme von 11 Ziegeleien, einer Leder- und einer Zementfabrik, die aber alle mehr schlecht als recht laufen.

 

Eines der groessten Probleme ist der Zuzug von Menschen aus anderen Landesteilen, insbesondere aus dem sog. “Armenhaus” Brasiliens, dem Nordosten und Norden. Der Sueden allgemein und der Bundesstaat São Paulo speziell gelten immer noch als reich, als eine Art “Gelobtes Land”. Diese Zuwanderer lassen sich dann in Staedten wie Leme nieder und bringen Hoffnungen mit, die nicht erfuellt werden. Daraus entwickeln sich grosse Probleme, von denen Leme besonders hart getroffen ist, weil die Stadtverwaltung nicht wie etwa die umliegenden Staedte einen Zuzugsstop verhaengt hat, sondern (noch) jeden aufnimmt.

 

Der groesste “Zerstoerer” von Hoffnungen ist die Arbeitslosigkeit grosser Bevoelkerungsteile, ganz besonders ausserhalb der Erntezeiten, die notorische Unterbeschaeftigung vieler Menschen, die einen Arbeitsplatz haben und die allgemein schlechte Bezahlung. Das Durchschnittseikommen hier liegt bei etwa 230,- Euro im Monat, was nur halb so viel ist wie der Durchschnitt der umliegenden Staedte. Dabei muss man jedoch auch noch bedenken, dass es ja auch einige gibt, die weitaus mehr verdienen, was den Durchschnitt hebt. Viele muessen allein mit dem Mindestlohn von gut 100,- Euro zurechtkommen. Zwar sind hier viele Dinge billiger als in Deutschland, doch ergibt sich dennoch lange kein ausgewogenes Verhaeltnis von Einkommen und Lebensausgaben.

 

Zu dieser allgemeinen Armut gesellen sich dann Probleme wie Analphabethismus, insbesondere bei Frauen, Gewalt, Alkohol und Drogenanhaengigkeit, besonders bei Maennern, sowie Kinderreichtum (ich kenne beispielsweise Familien mit 12 Kindern und eine 21-jaehrige Frau mit sechs Kindern von verschiedenen Vaetern) und eine allgemein schlechte Wohnsituation mit Raumknappheit, Dreck und Muell. Sicherlich sind mancherlei Auswuechse der Probleme auch von den Menschen teilweise selbst verschuldet, doch leben die meisten Armen hier ohne viel eigenes Dazutun so. Ueber Ursachen der Armut gibt es tausende Buecher und hunderte verschiedene Meinungen. Dieser Rundbrief soll nur die Lage hier schildern und kein sozialwissenschaftlicher Aufsatz sein.

 

All diese Probleme Lemes bekommt die Stadtverwaltung kaum in den Griff. Besonders die Infrastruktur allgemein, die Schulen und die Gesundheitsversorgung speziell muessen darunter leiden. Oft setzt aber auch die Stadt nur an den falschen Stellen an. Gott sei Dank geben die Schwestern fuer viele Beduerftige gute Hilfe.

 

Favelas gibt es hier jedoch nicht, wobei man bedenken muss, dass eine Favela im brasilianischen Wortsinn ein Slum ist, bestehend aus Blech- oder Holzhuetten ohne Strom- und / oder Wasserversorgung und ohne Strassenanbindung. Hier bestehen alle Viertel aus Steinhaeusern mit Wasser- und Stromanschluss, die meisten auch mit Asphaltstrassen. Vielmehr kann man aber in vielen Villen auch nicht erwarten. Das trostlose Bild einiger Stadtrandviertel muss man sehen und erleben um es zu beschreiben. Ich kann es kaum schildern, doch bewundere ich auf eine gewisse Art und Weise die Lebenskraft von Familien, die dort leben (muessen).

 

In einem nachfolgenden Rundbrief werde ich sicherlich noch einmal auf die Wohnsituation zu sprechen kommen.

 

   

3.)        Die Creche “Sagrada Familia”

 

Die ersten Wochen habe ich hauptsaechlich in der Creche “Sagrada Familia” gearbeitet. Diese wird auch weiterhin ein Hauptarbeitsschwerpunkt von mir bleiben, weshalb ich diese Kindertagesstaette und meine Arbeit dort einmal ausfuerlicher schildern moechte.

 

Die Creche besuchen 230 Kinder im Alter von zwei Monaten bis zu zehn Jahren, aufgeteilt in verschiedene Altersgruppen, sowie die aelteren schulpflichtigen Kinder in Vormittags- und Nachmittagsgruppen. Die dazugehoerige Schule ist gleich nebenan und die Kinder, die sie vormittags besuchen werden dann nachmittags hier in der Creche betreut und umgekehrt. Es gibt fuer alle zweimal warmes Essen, und zwar in der Zeit von 10.00 bis 11.00 Uhr und von 15.00 bis 16.00 Uhr. Vormittags gibt es immer Reis mit Bohnen und dazu immer Fleisch und oft Salat, nachmittags gibt es dasselbe, diesmal nur zusammengemixt und mit noch groesserem Reisanteil. Zwischendurch gibt es Brot mit Butter, manchmal auch mit Wurst sowie Soja-Vitamin-Milch. Diese Schilderung des Essens hoert sich vielleicht kritisch an, ist aber nicht so gemeint. Erstens esse ich es selbst und es schmeckt gut, zweitens moegen es die Kinder auch gerne, drittens es erfuellt den urspruenglichen Zweck des Essens, naemlich dei Versorgung mit Energie und Naehrstoffen, und viertens ist bei dem geringen Budget der Creche viel mehr auch gar nicht drin. Oft habe ich den Eindruck, als bekaemen einige Kinder zuhause kaum mehr und schon gar kein “besseres” Essen.

 

Sowieso spiegeln sich in vielen Kindern die eben geschilderten Probleme der Familien wieder. Es gibt viel Halb- oder Vollwaisen, Kinder, deren Vaeter oder gar Muetter im Gefaengnis sitzen, verschuechterte Kinder von gewaltbereiten Eltern, Kinder von derselben Mutter aber verschiedenen Vaetern und Kinder von extrem jungen Muettern. All jenen Kindern sind ihre erfahrungen negativer Art anzumerken. Und trotzdem, ja vielleicht gerade deshalb macht es Spass, sich um diese Kinder zu kuemmern. Sie sind nicht so verwoehnt und ueberbehuetet wie einige bei uns. Sie sind meistens trotz ihrer Probleme froehlich und bekommen in dieser Creche eine doch noch angenehme Kindheit geboten.

 

Wenn ich in der Creche arbeite, habe ich zwei feste Gruppen. Vormittags die 7- bis 8-jaehrigen Kinder der ersten Klasse (nicht wundern, denn das Schulsystem ist hier ganz anders als bei uns) und nachmittags die 8- bis 10-jaehrigen der zweiten und dritten Klasse. Mit denen spiele ich dann, mache Musik (“Alle meine Entchen”, “Stille Nacht” usw.), bastele oder gehe aufs Sportgelaende. Na dieser Stelle muss eins gesagt werden: die meisten Kinder, die ich hier habe, sind weder zukuenftige Ronaldos noch ausserordentlich musikalisch bezogen auf die Geruechte von den Fussballkuensten der Brasilianer oder dem sog. “Rhythmus im Blut”. Trotzdem machen die Aktivitaeten grossen Spass und ich mag die Kinder sehr gern.

 

Natuerlich habe ich hier auch schon meine “Lieblinge”, insbesondere bei den Kleinen. Die Babys und Kleinkinder besuche ich zwischendurch oefters. Sie sind die gluecklichsten Kinder, wenn man sie auf den Arm nimmt und sich so einfach um sie kuemmert. Bei den Babys wird sogar der 9-Monate alte Calvin schon von allen Mitarbeitern hier als mein “Filho” (=Sohn) bezeichnet. Der knapp 2-jaehrige Alison, ein Schwarzer aus einer der aermsten Familien, ist regelrecht eifersuechtig, wenn ich mich einmal nicht ausreichend um ihn kuemmere. Die 3-jaehrige Lara geniesst es, einfach nur meine Hand zu nehmen und ueber den Hof spazieren zu gehen und mir etwas zu erzaehlen. Der 2-jaehrige Estefan und der 3-jaehrige Gustavo umarmen und druecken mich sehr gerne und ich muss aufpassen, nicht von ihnen regelrecht abgeknutscht zu werden.

 

Allgemein sind die Kinder hier viel naeher, offener und anhaenglicher als in Deutschland. Dabei gibt es durchaus Unterschiede. Einige sagen zu mir immer noch “O Senhor” (=Sie, der Herr), einige rufen “Andrae” (so ist die Aussprache meines Namens auf Portugiesisch), wieder andere nennen mich “Tio”(=Onkel, denn “Tia” ist hier die Anrede fuer die Erzieherinnen), ein paar Kinder sgen oefters sogar “Pai” (=Papa) zu mir, was zwar irgendwie ein schoenes Gefuehl ist, ich aber dennoch zurueckweisen muss, um kein zu enges Verhaeltnis zu ihnen aufzubauen.

 

Zuletzt sei auch noch gesagt, dass ich hier nicht nur spiele oder aehnliche angenehme Dinge tue, sondern auch oft das ganze Geschirr von 50 Kindern spuele und auch beim Saubermachen mithelfe, so dass mich ein paar Kinder gar schon gefragt haben, ob ich der “Empregado” (=Hausangestellte, “Dienstmaedchen”) der Creche bin. Insgesamt macht mir die Arbeit hier grossen Spass.

 

   

4.)        Mein Leben hier, der Alltag; Ausblick auf die kommende Zeit

 

In der Woche stehe ich meist gegen 6.30 Uhr auf, dusche, fruehstuecke in der Wohnung, und zwar immer Jogurth, Kornflakes und Obst, besuche manchmal die Messe im Konvent und gehe dann gegen 7.30 oder 8.00 Uhr in die Creche.

 

Zweimal die Woche gehe ich mit Leandro, einem 10-jaehrigen querschnittsgelaehmten Jungen, zur Physiotherapie und zweimal besuche ich den koerper- und geistesbehinderten 17-jaehrigen José in einem Stadtrandviertel. Zu diesen beiden Jungen spaeter einmal mehr.

 

Gegen 11.45 Uhr esse ich in der Creche Mittag, wie beschrieben immer Reis und Bohnen plus Beilagen. Daran habe ich mich gewoehnt und es schmeckt auch wirklich. Nachmittags bin ich entweder in der Creche oder im Stadtrandviertel “Imperial”, von dem ich auch spaeter mehr berichten werde, und kuemmere mich dort um ein Projekt mit Kindern, oder ich begleite Sr. Gertrud Elisabeth zum Projekt “Vida Nova” (=Neues Leben) fuer ehemalige drogenabhaengige Maenner, oder ich erledige Einkaeufe usw.

 

Abends gegen 17.30 Uhr gehe ich zum Stundengebet in den Konvent. Danach esse ich dort Abendbrot, was meist aus den Sachen vom Mittag besteht, dazu Salate, Brot (Brot heisst hier uebrigens immer Weissbrot) und Butter, manchmal Kaese, seltener Wurst. Nach dem Abendbrot habe ich frei und geniesse diese freie Zeit, schreibe Briefe, notiere wichtige Dinge und Erfahrungen in einem Tagebuch (ich habe nie zuvor jemals Tagebuch geschrieben) und gucke Fernsehen. Nicht verpassen darf ich dort die taegliche Telenovela “Canavial de Paixoes” (woertl. = Zuckerrohrplantage der Leiden), eine “Soap” (Fortsetzungsserie), in der es um Schicksale und Liebesgeschichten geht. Wenn Fussball kommt, gucke ich das, weil man da nicht so angestrengt zuhoeren muss um etwas zu verstehen.

 

Gegen 22.00 Uhr falle ich dann totmuede ins Bett. Ich koennte hier naemlich dauernd schlafen wegen der Hitze, der Arbeit, der Anstrengungen, die ich dadurch habe, dass ich ueberall mit dem Fahrrad, welches leider ein bisschen klein fuer mich ist, hinfahre und stundenlang J  Kinder herumtrage. 

 

So vergeht mein Alltag in der Woche. Aber der absolute “Hit” ist das Wochende, ganz speziell der Samstag vormittag. Dann heisst es naemlich Putzen und Waschen. Ab 7.00 Uhr helfe ich manchmal den Erzieherinnen beim Saubermachen der Creche. Spaeter dann machen Theresia und ich gemeinsam unsere Wohnung sauber und zwar auf die hier ueberall gelaeufige Methode, indem wir einfach den Boden in der Wohnung unter Wasser setzen und dann alles mit Gummischiebern in den Ausguss schieben. Danach geht es zum “Horror” schlechthin. Horror deshalb, weil ich es nicht kann und es mir ein wenig peinlich ist.Ich wasche dann meine Waesche, und zwar per Hand! Mitlerweile entwickele ich mich dabei beinahe zum Profi J. Eine halbe Stunde einweichen lassen in Seifenlauge, danach auf einem Waschbrett mit Buerste und Seife nachwaschen, dann Seifenreste auswaschen, Waesche in die Schleudermaschine tun, aufhaengen fertig. Buegeln muss ich –Gott sei Dank- nicht, da sich Theresia bereiterklaert hat, das zu machen. Sowieso klappt das Zusammenlebe und –arbeiten mit ihr super gut. Ich bin sehr froh, nicht alleine als mas hier zu sein.

 

Sanstag nachmittag begleite ich die Novizinnen zur Pastoralarbeit in das Stadtrandviertel Imperial, wo sie Kindern und Jugendlichen Katechismus-Unterricht erteilen oder die monatliche Kinder- und Jugendmesse dort vorbereiten.

 

Sonntags habe ich immer ein anderes Programm. Neben der Messe besteht es mal aus Kommunion- oder Firmvorbereitungstreffen, mal aus Veranstaltungen, Festen etc. und am dritten Sonntag des Monats aus der Pastoral fuer die Kinder des Imperial. Sie werden dort gewogen, ihr Gesundheitszustand wird ueberprueft, sie bekommen etwas Kraeftiges zu essen und die Beduerftigsten ein mit Naehrstoffen angereichertes Pulver fuer zuhause. Ansonsten geniesse ich am Sonntag die Freizeit und halte mich im Konvent auf. Dort esse ich dann auch am Wochenende, denn dann gibt es auch mal Kartoffeln! Man freut sich darauf richtig.

 

Neben dem Essen sind auch die Getraenke aeusserst interessant. Ein Diabetiker wuerde hier kaum ueberleben, es sei denn er trinkt nur Wasser, denn alles hier ist gesuesst, und zwar nicht zu knapp. Der Kaffee wird gleich nach dem Kochen gesuesst, die Limonaden und angeruehrten Saefte sind manchmal nur verduent zum Trinken geeignet. In einer Limonade sind in einem Liter Fluessigkeit 240 Gramm Zucker ! enthalten, so das Etikett. Ausserdem gibt es hier eine Limonade mit Guaraná-Geschmack. Ein sehr leckeres, am ehesten mit Cola vergleichbares Getraenk, das ich hier sehr gerne und sehr viel konsumiere. Das Wasser trinkt man hier als Leitungswasser, das in besonderen Geraeten aufbereitet und gefiltert wird. Diese Geraete stehen hier in jeder Wohnung.

 

Zum Wetter ist folgendes zu sagen: Zur Zeit ist Fruehling und es geht auf den Sommer zu. Da wir jedoch etwa in 600 Hoehenmetern liegen, quaelt die Hitze nicht ganz so extrem. Vergangene Woche wurden zwar die 35 Grad erreicht und es ist schon nicht der groesste Spass dann in brenneder Sonne mit dem Fahrrad herumzufahren, doch komme ich mit den Temperaturen zurecht. Schlimm wird es nur, wenn es nachts nicht abkuehlt, was aber bislang eher selten der Fall war. Ansonsten regnet es auch schon mal oder es gibt recht haefig kraeftige Gewitter, insbesondere nachts, und manchesmal ist es morgens bei Temperaturen um 18 Grad auch schon mal "kalt" J. Von Tag zu Tag wird jetzt der eigene Schatten immer kleiner, denn die Sonne steigt immer hoeher. Mal sehen, wie so der Sommer ab Mitte Dezember wird.

 

Neben der Arbeit haben wir schon guten Anschluss an verschiedene Jugendliche gefunden, so dass wir am Wochenende auch schon einige Sachen mit Gleichaltrigen unternehmen konnten. Besonders viel haben wir bislang mit der Jugendgruppe einer Pfarrgemeinde hier unternommen. Wir sind sehr froh, schon Anschluss hier gefunden zu haben.

 

Bei allem hier, ob Arbeit, Einkaufen, Freunde, gibt es aber ein groesseres Problem, naemlich die Sprache. Mitlerweile versteht man zwar grosse Teile, sprechen kann man jedoch nicht so, wie man gerne will. Oft ergeben sich bei Gespraechen Missverstaendnisse, die auch oftmals fuer Erheiterung bei den Gespraechspartnern sorgen. Manchmal geraet man dann ganz schoen in Verlegenheit oder schlittert in mancherlei Peinlichkeiten. Aber, ich gebe die Hoffnung nicht auf, denn es wird ganz langsam, Tag fuer Tag immer besser.

 

   

5.)        Katholische Kirche, religioeses Leben

 

Ich bin hier im groessten katholischen Land der Erde. Man geht davon aus, dass na die 90 % der etwa 175 Mio. Brasilianer Katholischen Bekenntnisses sind. Allein im Bundesstaat São Paulo leben also mehr Katholiken als in ganz Deutschland. Dazu ist die Kirche hier auch vielmehr im Leben der Menschen verwurzelt und hat fuer sehr viele eine herausragende Bedeutung. Aber auch das kirchliche Leben hier ist ganz anders als bei uns. Es gibt weder schoene alte und prachtvolle Kirchenbauten, noch Orgeln, meistens noch nicht einmal Glockengelaeut. Dafuer aber gibt es Menschen in der Kirche, Menschen aller Altersgruppen besuchen die Messen in den vier Pafarrkirchen und den zahlreichen Kapellen in nahezu jeder dritten Strasse. Drei der vier Pfarrer sind sehr jung; der aelteste von ihnen Anfang vierzig. Dazu hat jede Pfarrer zeitweise noch einen Priesteranwaerter bei sich, insgesamt gibt es in der ganzen Dioezese 50 davon; und es ist ein kleineres Bistum.

 

Natuerlich sind nicht alle, die katholisch getauft sind, aktive Gottesdienst besucher, aber doch weitaus bedeutend mehr als bei uns. Leider verbreiten sich hier jedoch auch immer mehr Sekten, was fuer die Kirche eine groessere Herausforderung darstellt. Insgesamt jedoch sind die Menschen hier extrem religioes. Das auessert sich nicht zuletzt darin, dass T-Shirts mit Spruechen wie “Ich bin gerne katholisch”, “Der Herr ist mein Hirte”, “Jesus liebt uns” usw. Bei vielen, vor allem jungen Menschen auesserst beliebt sind. Laeden tragen religioese Namen, z.B. heisst der Supermarkt, in dem ich meistens einkaufe “Bom Jesus” (=Guter Jesus), der zentrale Park in der Stadtmitte nennt sich “Bibelplatz” und es gibt allerhand Laeden mit Religionsartikeln und ausserdem viele Zeitschriften und Hefte zu religioesen Themen.

Besonderer Beliebtheit erfreuen sich bunte Bilder von Jesus und / oder Maria, die hier nur “Nossa Senhora” (= Unsere Frau) genannt wird. Ein Grossteil dieser Bilder wuerde bei uns unter die Bezeichnung “Kitsch” fallen, doch die Menschen hier lieben das. Die extreme Verehrung der “Nossa Senhora” liegt daran, dass sich hier im Bundesstaat São Paulo das Heiligtum “Nossa Senhora da Aparecida”, der brasilianischen Nationalheiligen befindet, zu der jedes Wochenende durchschnittlich 60.000 Menschen pilgern.

 

Die Lebendigkeit brasilianischer Messen muss erlebt werden, um sie begreifen zu koennen. Klatschen, Winken, Tanzen, Trommeln, lautstarkes Singen usw. sind durchaus Normalitaet. Einige Personen bei uns in Deutschland wuerden die Gottesdienste hier eher als Partys bezeichnen, doch aeussert sich so nur die wirkliche Freude der Menschen am Glauben. Trotz aller Lebendigkeit sind die Menschen hier waehrend der Messen durchaus auch ernst und andaechtig und besonders viele Frauen sind von einer uebermaessigen Froemmigkeit gepraegt. All das bewundere ich sehr und finde es sehr schoen. Ich moechte behaupten, dass ohne die katholische Kirche und ihre Sorge um die Menschen fuer viele das harte Leben und die Armut hier noch einmal doppelt so belastend waere. Keiner kuemmert sich so intensiv um die Menschen wie die Kirche allgemein und hier in Leme die Schwestern ganz speziell.

 

   

 

Ich hoffe, mein Bericht hat euch nicht zu sehr gelangweilt. Fuer Schreibfehler bitte ich um Verstaendnis. Wegen der bloeden Tastatur und dem Schreibprogramm haben sich sicherlich oefters Fehler eingeschlichen. Vieles von dem, was ich geschildert habe, kann man in einem Rundbrief nicht beschreiben. Das muss ich dann nach meiner Rueckkehr erzaehlen.

 

 

Euch allen wuensche ich fuer die kommende Zeit alles Gute,

 eine schoene Advents- und Weihnachtszeit

 

Euer Andreas

 

 

 

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